Berlin - Lichtenberg

Kiezspaziergänge rund um den Fennpfuhl

Das Wohngebiet Fennpfuhl im Stadtbezirk Lichtenberg konnte im Herbst des Jahres 2002 festlich sein 30 jähriges Bestehen mit einer Reihe von Veranstaltungen feiern. Ursprünglich als Großwohnkomplex geplant, ist dieses Wohngebiet inzwischen auch zu einem bekannten Stadtteil des Bezirks Lichtenberg ') mit guter Wohnlage, attraktiven Einrichtungen und einem eigenem Bürgeramt herangewachsen.

Der Stadtteil Fennpfuhl im neuen, größeren Stadtbezirk Lichtenberg (Lichtenberg und Hohenschönhausen sind zusammengeschlossen) ist also ein relativ junger Stadtteil. Er wird primär durch die in den siebziger und achtziger Jahren errichtete Neubausiedlung Fennpfuhl mit ihren überwiegend vielgeschossigen 2) Wohnhäusern bestimmt. Konzipiert wurde dieser Wohnkomplex Ende der sechziger/ Anfang der siebziger Jahre. Er war damit zugleich der Auftakt zum umfassenden und komplexen Wohnungsbauprogramm 3) im damaligen Ostberlin.

Wohnungssuchende gab es viele, moderne Wohnungen wenig oder bei weitem nicht genug. Hier im Nordosten waren auf den zu bebauenden Flächen überwiegend Kleingärten und kleinere Gewerbebetriebe angesiedelt. Partiell vorhandene verkehrliche und stadt-technische Infrastruktur konnte kostengünstig komplettiert werden. Was lag also näher, als hier - nahe am S-Bahnring - knapp 6 km vom Alexanderplatz entfernt eine "neue Stadt" zu errichten. Und so wurde bereits am 01. Dezember 1972 vom damaligen Oberbürgermeister (Stadtoberhaupt des Ostteils von Berlin) Herbert Fechner am Fundament des Wohnhochhauses am Roeder-Platz  1  heute Weißenseer Weg 1-2 - feierlich der Grundstein für das Wohngebiet Fennpfuhl gelegt.

Die städtebauliche Konzeption plante ein Großwohngebiet für ca. 50.000 Einwohner mit allen sozialen und kulturellen Einrichtungen der Nahversorgung. Schulen und Kindereinrichtungen mit ihren Einzugsradien. Wegebeziehungen bestimmten die Wohnbereiche, mehrere Wohnbereiche wurden zu einem gesellschaftlichen Zentrum zusammengefasst. Diese Zentren werden städtebaulich durch 18i21-geschossige Wohnhochhäuser akzentuiert. Das Stadtteilzentrum Fennpfuhl wurde rund um den ehemaligen Fenn- und Langpfuhl errichtet, das ist der heutige Anton- Saefkow- Platz.

Das war eine große Herausforderung für alle Beteiligten. Es war das erste Großwohngebiet in Berlin und damit das Experimentierfeld für die späteren nach größeren Wohngebiete wie Marzahn / Hellersdorf oder Hohenschönhausen. Dennoch galt es, trotz industrieller Produktion der Bauelemente und der Montage nach Taktstraßen, die Besonderheiten des Standortes und die Charakteristik zu finden sowie einen städtebaulich-räumlichen Leitgedanken umzusetzen.

Eine der Besonderheiten ergab sich aus der erdgeschichtlichen entstandenen Topographie dieses Areals, nämlich den vorhandenen natürlichen Gewässern des zentral gelegenen Fenn- und Langpfuhls.

Eine andere Besonderheit war der künstlich geschaffene Berg, nämlich die aus den Trümmern des 2. Weltkrieges aufgeschüttete „Oderbruchkippe" am Nordrand des Gebietes, heute bekannt unter dem Namen Volkspark Prenzlauer Berg.

Das Gebiet war unmittelbar am S-Bahnring gelegen - und damit Teil der kompakten Stadt. Südlich des S-Bahnringes wird das Gebiet von der Quartiersstruktur der Berliner Mietskasernen geprägt.

Also war hier die Chance gegeben, die besondere landschaftliche Topographie in ein prägendes Verhältnis zu den neuen dominierenden Wohngebäuden zu bringen, allgemein formuliert also ein Verhältnis von Landschaft zur gebauten Umweit zu gestatten. So war das gesunde "Wohnen im Grünen - mitten in der Stadt" der Leitgedanke der städtebaulichen Planung.

Drei weiträumige Wohnhöfe mit nach innen orientierten Kindergärten und Schulen sind typisch für dieses Gebiet. Fließende Landschaftsräume vernetzen die verschiedenen Wohngebiete. Um die grünen Wohnhöfe möglichst frei von störendem Lärm und Abgasen zu halten, wurde der Individualverkehr auf große Parkflächen an den Rand verlagert, eine deutliche Erhöhung der Wohnqualität ist damit gegeben.

In dem zentral gelegenen gesellschaftlichen Zentrum des Wohngebietes dem Anton-Saefkow-Platz wird das Thema Landschaft und gebaute Umwelt nochmals in ein besonderes Spannungsfeld gesetzt. Die städtische Funktionsdichte von Einkaufen, Gastronomie, Sport, Handel, Dienstleistung, Gesundheit, usw. entwickelt sich in einer linearen Struktur vom S-Bahnhof Storkower Straße über das Stadtteilzentrum, den Anton-Saefkow-Platz bis zum Volkspark Prenzlauer Berg. Am Saefkow-Platz ist der Kontrast zwischen Stadt und Landschaft am dichtesten ausgeformt.

Anfang der achtziger Jahre wurde - damals noch als politische Besonderheit - eine kleine Kirche, das "Evangelische Gemeindezentrum am Fennpfuhl", errichtet.

Der zentrale Bereich rund um den Anton-Saefkow-Platz erhält eine weitere Besonderheit, die sich aus der ursprünglichen Topographie herleitet, nämlich das Thema Wasser. Das Wasser wird zum einen in seiner natürliche Form dem Fenn- und Langpfuhl (rudimentär auch im Wolfgang-Pfuhl, Paul-Junius-Str.) erlebt und zum anderen in der artifiziellen Form der zahlreichen Brunnenanlagen im Gebiet. Die Brunnenanlagen entwickeln sich in kleineren Anlagen parallel an den Fußgängerachsen und steigern sich am Anton-Saefkow-Platz in einer großräumigen, den Platz bewusst dominierenden Wasserkaskade (heute nicht mehr funktionstüchtig). Das Thema Wasser findet mit der Fontäne im Fennpfuhl einen sinnfälligen Abschluss zwischen natürlich und künstlich gestalteter Wasserlandschaft.

Eine außergewöhnliche Besonderheit des Gebietes ist auch seine reichhaltige Ausstattung mit Plastiken und Werken der bildenden und angewandten Kunst. Auch hier ist ein interessanter Spaziergang empfehlenswert.

Zur städtebaulich räumlichen Gestaltung sei nur noch angemerkt, daß neben der Anlage weiträumiger Wohnhöfe bewusst auch eine Akzentuierung der gesellschaftlichen Nebenzentren im Stadtraum mit den 1&/21-geschossigen Wohnhochhäuser gewählt wurde.. Das in einer brillant glänzenden weißen Fassade strahlende 22-124-geschossige SK-Wohnhochhaus (SK = Stahlbeton-Skelettbauweise) überragt das Hauptzentrum, den Anton-Saefkow-Platz. Die Wohnhöfe werden nach außen durch eine schalenartige Ausbildung der Wohnbebauung zu den das Gebiet durchziehenden Hauptheizstraßen - der Landsberger Allee und dem Weißenseer Weg - abgeschlossen.

im Jahre 1987, dem Jahr der 750-JahrFeier der Gründung Berlins, wurde das Architekten-kollektiv für die städtebaulich-architektonische Gestaltung des Anton-Saefkow-Platzes mit dem Architekturpreis der Stadt Berlin ausgezeichnet. a}

Der 1972 begonnene Bau des Wohngebiets Fennpfuhl war im wesentlichen im Jahre 1989190 abgeschlossen. Lediglich einige ergänzende Bereiche in den Freianlagen und bei Objekten der angewandten Kunst und der Stadtmöblierung im öffentlichen Raum sollten noch folgen.

Neue Herausforderungen waren ab 1990 mit der politischen Wende in der DDR in allen Lebensbereichen entstanden, natürlich auch im Bauwesen. Aber auch die danach durch starke Migrationsbewegungen, vor allem der jüngeren Generation, und der demografischen Entwicklung entstandenen Veränderungen erforderten neue Überarbeitungen. Dabei ist besonders hervorzuheben, dass sich im Jahre 1994 engagierte Bürger zusammengeschlossen haben und erstmalig ein viel beachtetes Bürgergutachten zur städtebaulichen Entwicklung für ihr Gebiet erarbeiteten.

in den zurückliegenden neunziger Jahren wurden zur städtebaulichen Entwicklung und zur Freiraumgestaltung zahlreiche Analysen, Konzeptionen und Bewertungen beauftragt und erarbeitet. Dabei erwies sich die städtebauliche Struktur als stabil, aber auch aufnahmefähig. Lediglich die städtebauliche Lage des Hauptzentrums, entsprechend der internationalen Philosophie der siebziger Jahre fußgängerorientiert in die Mitte des Gebietes gelegt, kollidiert mit der heutigen Vorstellung, des nach außen zu den Hauptverkehrs-Straßen gelegenen und mit großen Parkplatzflächen ausgestatteten Zentrums. Hier liegt auch künftig die eigentliche Herausforderung für das Stadtteilzentrum Fennpfuhl.

Die Wohnungen sind im gesamten Gebiet bis auf kleine Ausnahmen von den Wohnungsbaugesellschaften,den Wohnungsbaugenossenschaften und den privaten Wohnungs-eigentümern mit großem Aufwand umfassend saniert und modernisiert worden. Auch auf individuelle Wünsche der Bewohner bei der Grundrissgestaltung ihrer Wohnungen wird von den Vermietern inzwischen wohlwollend eingegangen. Und auch die neue Wohnumfeldgestaltung fördert die Identifikation der Bewohner mit ihrem Kiez. Neue und große Investitionen in den neunziger Jahren haben den Stadtteil vielfältiger und attraktiver gemacht. Es sei hier aus der Vielzahl der Objekte u.a. nur hingewiesen auf das Zentrum Storkower Bogen, die Möllendorff-Passagen, die Wohn- und Geschäftsanlage City Point Center, das Wohn- und Geschäftshaus Castello oder der Geschäftssitz der WGLi, der Wohnungsgenossenschaft e.G_ Lichtenberg.

Die großen demografischen Veränderungen auf dem gesamten Gebiet der ehemaligen DDR haben u.a. zu hohen Leerständen im Wohnungsbestand, in Berlin insbesondere aber auch bei den Kindergärten und Schulen geführt. Die Bundesregierung reagierte darauf folgerichtig mit dem Programm Stadtumbau Ost, das mit ca. 2 Mrd. € die Risiken dieser Entwicklung sozial und städtebaulich steuern will.

Der Stadtteil Fennpfuhl hat erfreulicherweise kaum Probleme mit einem überhöhten Wohnungsleerstand, allerdings muss bei Schulen und Kindergärten (falls keine anderen Konzepte greifen sollten) ein Rückbau erfolgen.

Für den im Bereich Anton-Saefkow-Platz werden für die Verbesserung des Wohnumfeldes für die nächsten Jahre Investitionsmittel bereitgestellt. Die ersten Baumaßnahmen haben bereits am nördlichen Zugang zum Saefkow- Platz begonnen. Auch hier sind alle Beteiligten, insbesondere die Anlieger gefragt und herausgefordert. Der Bürgerverein Fennpfuhl ist dabei ein aktiver und kreativer Partner, die gestalterische Qualität des Gebietes zu wahren und zu verbessern. So sehr wir uns über die Verbesserungen freuen können, so werden wir auch Problemfelder, wie die Themen Warenhaus Kaufhof, Seeterrassen> Landsberger Arkaden oder auch noch ausstehende Modernisierungen mit Interesse und Aufmerksamkeit verfolgen.

Die ehemalige Schwimmhalle am Storkower Bogen wurde bereits umgebaut in ein „Kreativkaufhaus".

 

- das Entwicklungsgebiet Eldenaer Straße oder

- der Jüdische Friedhof an der Indira-Gandhi-Straße (übrigens der größte jüdische Friedhof Europas)

- das Rathaus Lichtenberg (ein typischer Bau seiner Zeit) in der Möllendorff-Straße und das nahe gelegene Theater an der Parkaue (ehemals ncarroussel Kinder- und Jugendtheater")

Wir hoffen, mit dieser kleinen und kurzen Chronologie des Stadtteils Fennpfuhl Ihr Interesse für das "zu Hause" seiner Bewohner und für ein Stück Lichtenberg geweckt zu haben.

Wir laden Sie hiermit herzlich ein, in einer losen Folge von bebilderten Kiezspaziergängen den schönen Stadtteil Fennpfuhl mit all seinen interessanten Facetten zu erleben.

Wir möchten Sie anregen, auf Entdeckungsreise zu gehen. Der Fennpfuhl bietet zu allen Jahreszeiten etwas Besonderes, vom Rudern auf dem Fennpfuhl, dem Sport in Schwimm.-oder Sporthalle, über die noch steigerungsfähige Gastronomie bis zu einer winterlichen Schlittenfahrt im Volkspark Prenzlauer Berg.

Nehmen Sie ihre Freunde und Bekannten mit und Erleben Sie es selbst. Lassen uns ihre Anregungen und Entdeckungen wissen.

Fennpfuhl, im Juli 2005       Diplom-Architekt Dieter Rühle

Stellv. Vorsitzender des Bürgervereins Fennpfuhl e.V.

 (bis 1990 verantwortlicher Komplexarchitekt 5)

Wohngebiet Fennpfuhl)

Redaktionell überarbeitet    August 2006

 

 

 

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