Der Mann mit der Mappe

im April 2010

 Liebe Oma

ich weiß, du bist überrascht, so mitten im Jahr von mir Post zu bekommen. Nun ja, es gibt Ereignisse, die dulden nicht Aufschub bis zum gewohnten Jahresendbrief. Auch weiß ich, dass du in kommunalen Fragen sehr neugierig bist und Flüsterpropaganda eigentlich nicht ausstehen kannst. Deshalb kommt dieser Brief außer der Reihe. Ich will dir vom Mann mit der Mappe berichten. Es wird etwas dauern, hol dir also lieber jetzt noch deinen Kaffee und wenn Du gar nicht anders kannst, auch einen Kümmerling, denn der passt zu meinem Brief und meinem Mann mit der Mappe. Oma, ich muss etwas ausholen. Du erinnerst Dich vielleicht noch an frühere Briefe aus und vom Friedersdorff hier in Berlin. Schon damals kannte man hier den Mann mit der Mappe, allein, ich habe ihn dir da nicht beschrieben. Also er ist gut 1.70 hoch, schlank und immer in Bewegung. Wo etwas los ist, da taucht er auf, oder was ihn treffender charakterisiert, er ist schon vor Dir da. Dass heißt, er kennt hier jede Menge Leute persönlich, weiß was sie vorhaben oder empfiehlt ihnen, was sie und mit wem sie es vorhaben sollen, damit es voran geht. Er kümmert sich um Regenbogenfassaden, die Wiederbelebung von Handelshäusern, stinkende Pfuhle, um die Versenkung von Panzerkreuzern ebenso wie um das Aufstellen von Pollern. Ihn bewegen Sichtachsen und Standbilder, Straßennamen und –schilder, er kann sich aufregen über plötzlich verschwindende Ämter und freuen über gute Gespräche. Die, das wissen hier alle, führt er nahezu ständig und überall. Und immer, Oma, wirklich immer, hat er seine braune Mappe dabei. Daraus fördert er, manchmal auch unter dem Siegel der Verschwiegenheit, so allerlei zu Tage und beschenkt Dich dann mit Kopien von hochwichtigen Artikeln, Protokollen noch wichtigerer Sitzungen, die er manchmal aber auch als Geheimberatung kennzeichnet. Dann will er meistens Deine Meinung zu einem Plan hören und Du kannst in diesen Fällen mit ihm gemeinsam Poller verschieben, Bänke und Bäume anordnen, über den Bau von Stellplätzen und Zufahrten diskutieren oder über die Gestaltung von Festen und Flyern debattieren. Oma, das ist spannend. Aber, Du musst Zeit mitbringen, denn er weiß so viel und will, dass auch Du alles erfährst, bis ins Detail. Du hast nur eine Chance dem zu entgehen, wenn Du selbst überall hingehst, wo prinzipiell mit ihm zu rechnen ist. Das aber schafft kaum einer, und deshalb ist es wohl gut, dass es ihn gibt, den Mann mit der Mappe. Vor einigen Jahren schon haben, das die Menschen um den schönsten und einzigen Fennpfuhl Berlins erkannt und dem Mann zu seiner Mappe ein diese weiter füllendes Amt gegeben. Oma, ich hatte ja schon darauf hingewiesen, da er unendlich viele Leute kennt, war der Fennpfuhl von da an überall im Gespräch. Wehe, die Gesprächspartner haben nicht oder nur oberflächlich zugehört. Dann konnte es schon sein, dass dem Mann mit der Mappe selbst in größeren Versammlungen, von denen wir hier zwar nur eine, die dafür aber monatlich haben, ein empörtes „Hört, Hört“ entfuhr. Und dann befasste sich die Versammlung mit Fennpfuhlthemen. Dunkle Parkwege, streunende Dealer und Hunde, mehr oder weniger geschlossene Anstalten, verlotternde Gasthäuser, kenternde Ruderboote, funktionslose Villen, unfähige Markthändler, brachliegende Sportflächen, ausgetrocknete Brunnen und noch viel mehr hat er aus der Mappe in die Tagesordnung befördert. Manchmal konnte man meinen, unser Mann hätte Sorge, dass die Versammlung ohne den Fennpfuhl arbeitslos wäre. Nicht genug damit, auch bei anderen Gelegenheiten, dies können Stammtische, Beiräte, Foren, Jubiläen oder einfach Begegnungen auf der Straße sein, er sorgt dafür, dass das Thema Fennpfuhl zur Sprache kommt, bringt seine Mappe zum Einsatz und, auch das soll nicht verschwiegen werden, die dabei gehörten Probleme auf den Weg. Das heißt, er speist sie ein in Ausschuss und Fraktion, bei Investoren oder Händlern, in Vier- und Viel- Augengespräche, in die Notizblöcke wissbegieriger Journalisten ebenso wie in das 100 Meter weiter folgende nächste Gespräch am Platze. Manchmal wird deshalb aus einem eigentlich vorgesehenen Saunabesuch ein längeres Programm, denn die Probleme des Fennpfuhl haben bei ihm Vorrang, müssen sofort besprochen werden, und das mit jedem, von dem er annimmt, dass Bestätigung oder Unterstützung gewährt wird. Oma, und nun bedenke, rund um den Fennpfuhl leben mehr als 30.000 Menschen. Im höchsten Haus am Platze allein über 800, für Eure Verhältnisse ist das ein senkrecht stehendes Dorf und davon haben wir hier nicht nur eins sondern gleich 9 Stück, aber nur einen Mann mit der Mappe. Ich nehme an, Du ahnst jetzt, was der alles um die Ohren hat. Und nun, Oma, muss ich Dir sagen, der Mann mit der Mappe ist fast so alt wie Du und macht das alles ehrenamtlich, dass heißt er läuft sich die Hacken ab ohne einen Cent Sohlengeld zu bekommen, malträtiert seine Mappe ohne Aussicht auf Ersatzlieferung. Von den Aufregungen, die ja doch an Herz und Kreislauf nicht spurlos vorüber gehen gar nicht zu reden. Seine Frau übrigens hat in all den Jahren die Aufgaben eines Chefsekretariats, also Telefondienst, Zeitungsausschnittdienst, Schreibkraft, Archivarin, Vervielfältigerin  und  Terminkoordinatorin für ihn übernommen und das verantwortlich und nicht bloß pro Forma. Ganz ehrlich Oma, wenn ich bedenke, dass der Mann seit Jahren tagsüber mit der Mappe unterwegs ist, abends dann Dienstberatung mit seiner Chefsekretärin hat, vorausgesetzt die Termine erlauben das vor dem Wochenende, dann ziehe ich den Hut ganz tief und bedanke mich bei Ihm und seiner Frau für ihr großes Engagement. Ich habe Verständnis dafür, dass er jetzt etwas kürzer treten will, auch auf Anraten und Drängen seiner Frau, meine aber zu wissen, dass der Mann mit der Mappe das bleiben wird, was er für die meisten hier war, der Bürgermeister vom Fennpfuhl (obwohl es dieses Amt eigentlich gar nicht gibt). Und zum Schluss Oma, verrate ich Dir noch, wie der Mann heißt, denn es ist ja nicht ausgeschlossen, dass auch Du ihm begegnest. Wenn Du also einen Mann, 1.70 hoch, schlank, mit brauner Lederjacke (manchmal auch langem schwarzen Mantel), Mütze, (keinesfalls Hut) eventuell Stockschirm unbedingt aber brauner Ledermappe triffst, dann Oma, hast Du es mit Jörg-Peter Sellmann zu tun.

 

Dein Rainer Bosse


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