Über allen Gräbern ist Ruh

 

Die Pionierleiter von gestern entschuldigen sich heute

Für Kämpfer von damals, für uns alte Leute

Sie wissen nicht viel über unsere missratenen Taten

Und meinen fast – wir hätten etwas verraten

 

Sie runzeln die Stirn über Großvaters glitzernde Orden

Und tun so, als sei dies alles für unrechtes Morden

Verstehen nicht, dass Hilfe, ja Notwehr die Waffe uns gaben

Zu schützen die Sklaven, die rein gar nichts mehr haben

 

Sie gingen nach Spanien, das Volk vor General Franco zu schützen

Und trugen dabei unverkennbar die thälmannschen Mützen

Sie gingen nach Frankreich, den Resistance-Kameraden zu Seite

Nur weinige gingen zur Roten Armee – ganz besonders Gescheite

 

Die Jugend aus Vietnam, Chinas Freiheitskämpfer – die Helden

Männer aus Leningrad, von der Festung Brest sich hier melden

Millionen in Reih und Glied, gegen den barbarischen Krieg

Viele von ihnen erlebten niemals den Sieg

 

Gefangen, massakriert, gehangen, gefoltert, erschossen

Das war das Schicksal der Roten, die Kämpfer – Genossen

Vorwärts oder zurück, sie blieben liegen

Tausende junger Herzen sind damals stehen geblieben

 

Und jetzt ruft ihr über die moosbewachsenen Gräber, vorgetreten

Ihr Toten! Entschuldigt euch mal, wer hatte euch damals gebeten

Ihr ward doch die Roten, die sich gewalttätig widersetzten

Gegen Menschen wie ihr – diese Menschen töteten oder verletzten

 

Kniet nieder ihr Toten – murmelt nicht so verwirrt

Versteht doch endlich, wie abgrundtief ihr irrt

Ihr wusstet zwar nicht, dass ihr Unrecht getan

Jetzt seid ihr gerufen, zu erkennen den Wahn

 

Eure Zukunft liegt- wie ihr seht- heute endlich in Scherben

Nicht nachtragend, eher nachsichtig sind wir – eure Erben

Wir haben – ohne euch zu fragen – getan was eben verträglich

Nur eine Entschuldigung machte unser Wirken noch möglich

 

Heute fragt euch – ihr könnt Buße tun, um Entschuldigung bitten

Eure Taten waren ohnedies von den Nachfahren heftig umstritten

Die doch all diese Kämpfe, selbst niemals erlebten

Als die Wälder, die Städte und die Erde noch bebten

 

 

 

Da stehen sie stumm, die Helden von Stalingrad, Santa Clara, Madrid

Ganz weit in der Ferne hallt noch ihr mächtiger Schritt

Die Helden von Dachau, Lerida, sie können das nicht verstehen

Die leeren Augenhöhlen scheinen plötzlich wieder zu sehen

 

Der Ruhm und die Ehre – alles wurde gestohlen

Wie es die neuen Herrschaften eben befohlen

Niemandem geben sie Ruhe auch nicht wer tot oder schon schwach

Nach der schweren Niederlage nun auch die Schmach

 

Mai, im Jahre 15                               Walter Ruge, Jahrgang 1905

                                                       Babelsberg

 

 

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